Die Macht der Angst

Die Macht der Angst

Eine Mutter erzählte mir letztens, wie sich ihre Sichtweise und Haltung zu der Coronakrise entwickelt und verändert hat. Dieses möchte ich gerne als Anlass dazu nehmen, um so einige Aspekte des menschlichen Verhaltens besser verstehen zu können. Ich finde nämlich, dass je mehr wir wissen und verstehen, desto freier fühlen wir uns und desto bewusster, verständnisvoller und unvoreingenommener können wir einem anderen Menschen begegnen. Und in dieser Krise finde ich es wichtiger denn je, die eigene Haltung in den Vordergrund zu stellen.

Dieses Zitat von Ghandi „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt“, ist zu meinem Lebensmotto und meiner Motivation geworden, um mich für mehr Offenheit, Unvoreingenommenheit und Wertschätzung einzubringen.

Noch vor der Coronapandemie bekam ihr Vater die Krebsdiagnose. Es war relativ schnell klar, dass keine Heilung mehr möglich ist und er wahrscheinlich, in mehreren Monaten sterben wird. Es kann ihm nur geholfen werden, indem seine Schmerzen medikamentös gelindert werden. Er muss auch immer wieder zu so einigen Spezialisten, da zusätzliche Beschwerden, wie z.B. Abszesse oder Thrombose dazu kommen und er zusätzlich ärztliche Hilfe benötigt (was durch die Corona Maßnahmen teilweise sehr schwierig geworden ist).

Dann kamen die massiven Einschränkungen wegen der Coronapandemie. Mir geht es jetzt nicht um die Diskussion darüber, ob die Maßnahmen richtig oder falsch sind. Mir geht es um das Einfühlen, da wir Menschen keine Roboter sind. Wir dürfen das nicht unterdrücken! Ich werde an einer anderen Stelle erklären, wie sich die Empathiefähigkeit entwickelt, um die Wichtigkeit dieser Fähigkeit klar zu stellen.

Wie ging es weiter?

Wir dürfen den Vater, der auch Enkelkinder hat, nicht mehr besuchen! Für die Tochter war es klar. Wir werden ihn nicht in Gefahr bringen, sich mit Corona anzustecken. Das war der wichtigste Aspekt, da sie Angst hatte, sie könnten ihn mit diesem Virus anstecken. Für sie war klar, ihre Haltung und ihre Meinung sind einzig und allein richtig.

So geriet sie in Konflikt mit ihrem Bruder, der den Vater weiterhin, sogar mit den Enkelkindern, besuchte. Sie bewertete sein Verhalten als egoistisch und rücksichtslos. Sie wollte die Argumente ihres Bruders nicht wahrnehmen, sie konnte ihm nicht mal richtig zuhören, da sie einzig und alleine ihre eigene Haltung, aus Angst um den Vater, als richtig empfand.

Warum verhielt sich der Bruder so anders als seine Schwester?

Und was war eigentlich dem Vater wichtig?

Sie öffnete sich und unterhielt, unter anderem mit mir, und ich hörte mir ihre Sorgen, Ängste und die Beschreibung ihrer Vorgehensweise an. Ich konnte es sehr gut verstehen.

Ich fragte sie, was möchte dein Vater eigentlich? Darf er nicht mitentscheiden?

Dann fing sie an bewusster darüber nachzudenken, über die Sichtweise des Bruders und des Vaters.

Ihr Bruder sagte nämlich zu ihr, dass der Vater, dass unbedingt möchte, dass sie ihn weiterhin besuchen und deswegen tut er das. Er sagte ihr, dass der Vater aufgehört hat sie darum zu bitten ihn zu besuchen, da sie so von ihrer Meinung so überzeugt war, dass für sie alles andere nicht infrage kam.

Als sie mir und anderen das erzählte, wurde ihr selbst bewusst, wie sie aus ANGST um den Vater, nicht in der Lage war, richtig zuzuhören, zu analysieren, sich zu informieren, zu verstehen.

Die ANGST hatte sie im Griff.

Sie wurde unfair, sie hat alle, mit anderen Ansichten zu dem Virus oder den Maßnahmen sofort kritisiert, abgewertet und in die rücksichtslose, egoistische Ecke gestellt. Ihr wurde bewusst, dass sie ihre eigene Angst in den Vordergrund gestellt hat und dadurch so wichtige emotionale Bedürfnisse unterdrückt hat.

Dann wurde ihre Angst weniger und sie hat angefangen bewusster, offener und verständnisvoller mit der Situation und mit ihren Mitmenschen umzugehen. Sie hat für sich so viel wichtiges dazu gelernt…

Lasst und das Menschliche in uns nicht vergessen…

Lasst uns einander zuhören und verstehen…

Lasst uns das Vertrauen nicht verlieren, so dass wir in der Lage sind, weil wir Menschen sind, andere zu beschützen, ohne ihre Würde zu verletzen und sie zu Objekten zu machen!

NACHTRAG: Der Vater ist 11 Tage nachdem ich diesen Artikel geschrieben habe an Krebs verstorben….