Warum Bindung und Beziehung in der Begleitung unserer Kinder so essenziell sind?


Durch Erkenntnisse aus der Bindungsforschung wissen wir heute, dass Bindung, der stärkste Trieb von uns Menschen ist. Ohne Bindung würden wir nicht überleben können und wir binden uns, unabhängig davon, wie die Qualität der Beziehung zu unseren Bezugspersonen ist.
Damit eine sichere Bindung entstehen kann, und wir das Urvertrauen und das Gefühl der Sicherheit in die Welt, in andere Menschen und in uns selbst entwickeln können, brauchen wir Begleitpersonen, die feinfühlig unsere Bedürfnisse beantworten. Wir brauchen Menschen, die alle unsere Emotionen akzeptieren und uns helfen, mit verschiedenen Gefühlen umzugehen. Gefühle werden nämlich von emotionalen Bedürfnissen gespeist, wie z.B. Sicherheit, Anerkennung, Dazugehörigkeit oder Selbstwirksamkeit, die dann wiederum das Verhalten beeinflussen.

An dieser Stelle kommt es leider zu ersten Schwierigkeiten, die bei vielen Eltern entstehen. Gefühle und emotionale Bedürfnisse spielten nämlich früher häufig keine bedeutsame Rolle. Aus meiner eigenen Geschichte und aus der Arbeit mit anderen Eltern bekomme ich häufig mit, wie zerrissen sie sind, zwischen dem, was sie innerlich spüren was richtig wäre und dem was die ganzen Stimmen im Kopf oder im Außen sagen, wie z.B.
„Ein Klaps hat noch keinem geschadet.“ „Lass es ruhig schreien, dann lernt es schon durchzuschlafen.“ „Es braucht klare Grenzen und Konsequenzen, sonst tanz es dir auf der Nase herum.“

Doch woher kommen diese Stimmen? Und warum ist es so gut, dass viele Eltern es heutzutage anders machen wollen?

Dafür lohnt es sich unter anderem, in die Geschichte und auf die Arbeit von Johanna Haarer, der deutschen Ärztin im dritten Reich, zurückzublicken. Johanna Haarer hat einige Erziehungsratgeber veröffentlicht und der bekannteste war „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“. Dieser wurde von vielen Müttern in der Kriegs- und Nachkriegszeit gelesen und sogar bis 1987 verkauft. Zitat: “Auch das schreiende und widerstrebende Kind muss tun, was die Mutter für nötig hält und wird, falls es sich weiterhin ungezogen aufführt, gewissermaßen „kaltgestellt“, in einen Raum verbracht, wo es allein sein kann und so lange nicht beachtet, bis es sein Verhalten ändert. Man glaubt gar nicht, wie früh und wie rasch ein Kind solches Vorgehen begreift.”

Bis heute gibt es solche Stimmen und Fachleute, die den Eltern empfehlen ihre Kinder alleine schreien zu lassen, damit sie z.B. lernen einzuschlafen. Das Tragische daran ist, dass es wirklich funktioniert, nur wissen wir heute aufgrund von Erkenntnissen der Trauma- oder Gehirnforschung, zu welchem Preis.

Bei uns Menschen in Stress- und Gefahrsituationen (bzw. Situationen, die wir als gefährlich wahrnehmen) schaltet sich die Alarmanlage im ältesten Gehirnteil (dem Stammhirn) an und wir haben drei Möglichkeiten zu reagieren und zwar: fliehen, kämpfen oder erstarren.

Alleine gelassenen schreienden Babys bleibt nur der letzte Ausweg, also zu erstarren. In der Todesangst, die sie in so einer Situation begleitet, schalten das Gehirn und der Körper ab, um nicht sterben zu müssen bzw. nicht fühlen zu müssen. Es ist nicht so, dass die starke Energie die dabei entstanden ist einfach verschwindet. Die Energie wird im Körper gespeichert und wenn sie nicht ausgelebt werden kann, macht sie sich im Laufe des Lebens auf der Körper und psychischen Ebene, bemerkbar.

An dieser Stelle komme ich auf die Frage zurück, warum es gut ist, dass immer mehr Eltern heutzutage es anders machen wollen.

Wir fangen an mehr auf unsere Gefühle zu hören und die emotionalen Bedürfnisse zu berücksichtigen. Wir hinterfragen mehr und suchen Unterstürzung. Und wir fangen an, uns mit uns selber zu beschäftigen und uns selber besser verstehen zu wollen. Das ist der Punkt an dem ich ansetze.

Kinder legen häufig ihre Finger in unsere Wunden rein und wir bekommen dadurch die Chance, die Wunden zu heilen. Dafür müssen wir bereit sein, dies als Chance zu erkennen.

Kinder klopfen immer an die Stellen bei uns Eltern an, die es sich lohnt anzuschauen. Dabei handelt es sich um unsere Grenzen, die überschritten worden sind, unsere Gefühle die unterdrückt worden sind oder unsere emotionalen Bedürfnisse, die nicht feinfühlig beantwortet worden sind. Je bewusster wir uns den einzelnen Bereichen unserer Integrität werden, desto bewusster können wir mit den Grenzen, Gefühlen oder emotionalen Bedürfnisse unserer Kinder umgehen, ohne diese unbewusst zu überschreiten oder zu verletzen.