Kindliche Aggression, Teil 1

Mit dem „aggressiven Verhalten“ der Kinder werden mehr oder weniger alle Eltern konfrontiert. Sie stellen sich häufig die Frage, woher kommt es und wie gehe ich am Besten damit um? Die Aggression wird hauptsächlich als negativ und unerwünscht gesehen und es wird versucht, das störende aggressive Verhalten, mit erzieherischen Maßnahmen, so schnell wie möglich zu verändern. Mit dieser Vorgehensweise, mit der die meisten von uns groß geworden sind, bleiben wir auf der Verhaltensebene und behandeln sozusagen Symptome, anstatt tiefgründiger zu schauen und die Ursache für das Verhalten zu finden.

Durch die eigenen Prägungen als Kind und durch die gesellschaftlich anerkannten Normen und Werte, reagieren die meisten Erwachsenen mit Strafen, Schimpfen, Drohen oder Ausgrenzen, auf das kindliche aggressive Verhalten. Außerdem haben viele Eltern Angst und Terror- und Gewaltbilder im Kopf, von denen wir heutzutage überschwemmt werden. Somit bauen wir uns selber Kausalketten und glauben, dass wir besonders streng und konsequent sein müssen, da die Kinder sich sonst zu den Gewalttätern von morgen entwickeln werden. Diese Denkweise ist jedoch schon längst wissenschaftlich widerlegt worden, da zu Gewalttätern hauptsächlich Menschen werden, die selbst in ihrer Kindheit viel Gewalt und wenig Feinfühligkeit und Empathie erlebten. Das verhaltensorientierte Handeln führt ebenfalls dazu, dass die starken Emotionen und Energien, die im Körper der Kinder entstehen (wie Wut oder Ärger), ihren Ausdruck nicht finden dürfen und dadurch sozusagen im Körper gespeichert werden müssen.

Durch die Erkenntnisse der Psychotherapie oder der Traumaforschung wissen wir heute, welche Auswirkung dieser Umgang mit den Gefühlen, auf die psychische und physische Gesundheit eines Menschen haben kann. Es kann sowohl zu körperlichen Symptomen, als auch zu psychischen Störungen, wie Burnout oder Depressionen kommen. Außerdem führt der verhaltensorientierte Umgang und nicht ernst nehmen der Emotionen, zur Aggressionsverschiebung. Diese Energie sucht ein Ventil und muss irgendwann ihren Weg finden, da der Druck sonst zu hoch wird. Unter diesem Druck tritt die Aggression an irgendeiner Stelle noch heftiger aus, als wenn sie direkt hätte ausgedrückt werden können. Wenn der Schmerz unterdrückt wird, werden Angst oder Wut übermächtig. Kinder zeigen dann noch mehr Symptome, wie z.B. auffällige Unruhe, verstärkte aggressive Reaktionen anderen gegenüber oder ziehen sich stark zurück und richten ihre Aggression eher nach innen (Autoaggression).

Es ist wichtig zu verstehen, dass das aggressive Verhalten der Kinder ein Hinweis auf seelisch-emotionale Zustände ist, die es sich lohnt anzuschauen, damit sich keine Spirale der Missverständnisse bildet. Ansonsten können Kinder destruktive Verhaltensmuster entwickeln, die sich langfristig etablieren. Kinder erleben dann viele Frustrationen und wenig Selbstwertgefühl und schaffen es nicht selber, aus der Spirale zu entkommen.