Kindliche Aggression, Teil 2

Theorien und neuste Erkenntnisse der Neurobiologie

Der Begriff Aggression kommt aus dem Lateinischen „aggredi“ und bedeutet „an eine Sache herangehen“ oder „etwas in Angriff nehmen“. Aggressionen sind Reaktionen auf gefühlte Grundemotionen: Ärger, Wut oder Schmerz. Ein Mensch braucht eine konstruktive Ausdrucksweise dieser Emotionen, um sich verstanden zu fühlen. Der Neurowissenschaftler und Psychiater Joachim Bauer schreibt in seinem Buch „Schmerzgrenze“ folgendes: „Erfolgreich kommunizierte Aggression ist konstruktiv, Aggression, die ihre kommunikative Funktion verloren hat, ist destruktiv.“

Der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856-1939), suchte nach dem ersten Weltkrieg Erklärungen für das grausame Verhalten der Menschen im Krieg und fand sie im Aggressionstrieb. Er vertritt die Theorie, dass der Mensch von Natur aus diesen Trieb hat und dass dieser unvermeidbar zu Zerstörungen und Kriegen führt.

Verhaltensforscher Konrad Lorenz (1903-1989) machte in den 40-60er Jahren die Erkenntnisse des Sigmund Freunds populär, vor allem mit seinem Buch „Das sogenannte Böse“. Der menschliche Aggressionstrieb wurde sogar als Erklärung für die Verbrechen im Nationalismus verantwortlich gemacht.

Charles Darwin (1809-1882) Vater der Evolutionstheorie, hat durch seine Forschungen, das Bedürfnis nach sozialer Gemeinschaft, als den stärksten Trieb des Menschen bezeichnet.

Der Pionier der Bindungsforschung John Bowlby (1907-1990) widersprach deutlich den Theorien von Freud und Lorenz und bewies in seiner Forschungsarbeit, dass nicht die Aggression, sondern die Bindung, den primären Trieb des Menschen darstellt.

Die moderne Neurobiologie gibt Charles Darwin und John Bowlby Recht und beschreibt Aggression niemals als Trieb, sondern als reaktives Verhaltensprogramm. Die Erkenntnisse der Neurobiologie bestätigen das Bedürfnis nach Bindung, als den primären Trieb des Menschen. Joachim Bauer schreibt in seinem Buch „Schmerzgrenze“: „Der Mensch ist in seinem innersten Wesen nach sozial. Er besitzt eine natürliche Veranlagung zur Empathie und sein Motivationssystem wird durch nichts so sehr auf Touren gebracht, wie durch soziale Integration und Anerkennung.“ Joachim Bauer erklärt ebenfalls, dass Aggression dazu dient sich zu wehren, wenn einem Menschen körperliche Schmerzen zugefügt werden und somit, seine Schmerzgrenze überschritten wird. Die faszinierenden Erkenntnisse aus der Gehirnforschung zeigen ebenfalls, dass die Schmerzgrenze nicht nur die körperliche Empfindung betrifft. In unserem Gehirn werden nämlich, sowohl bei körperlichen, als auch bei emotionalen Schmerzen, die gleichen Hirnareale aktiviert. Das bedeutet, dass bei Menschen das aggressive Verhaltenssystem aktiviert wird, wenn wir emotionalen Schmerzen ausgesetzt sind, durch z.B. Ausgrenzung, Demütigung oder Missachtung.

Aggression ist also von vornherein nicht schlecht, da sie uns befähigt, uns in konstruktiver Weise zu wehren oder unsere Grenzen zu zeigen. Es hat jedoch Sinn zu verstehen, wie sie funktioniert und was wir tun können, damit sie nicht einen destruktiven Charakter annimmt und in Gewalt umschlägt.

Im dritten Teil zu diesem Thema werde ich auf die Ursachen der kindlichen Aggressionen eingehen.